Im Spreewald treffen zwei Realitäten zunehmend aufeinander. Die Welt der Touristen, die den Spreewald als Sehnsuchtsziel erleben wollen, und das Alltagsleben junger Familien, Pendler und Fachkräfte, die hier leben, arbeiten und eine Zukunft aufbauen möchten. Die stille Schönheit der Fließe und Auen zieht nicht nur Besucher an – sie macht Immobilien für Investoren und Eigentümer interessant, die auf Rendite setzen. Doch was geschieht, wenn eine Wohnung häufiger von Gästen gebucht wird als von Menschen, die hier dauerhaft zu Hause sind?
Wenn Wohnraum zum Investment wird
In Orten wie Lübben, Lübbenau/Spreewald oder Burg (Spreewald) drängen Ferienwohnungen zunehmend in klassische Wohnquartiere. Für das Jahr 2026 zeigen regionale Auswertungen einen deutlichen Anstieg der Angebotsmieten. In Lübben liegt die ortsübliche Angebotsmiete für Bestandswohnungen im Durchschnitt bei rund 12,50 €/m² und damit etwa 20 % über dem Vorjahresniveau. Wohnungen mit mehr als 90 m² erreichen im Mittel sogar Werte von über 16 €/m².
In Lübbenau bewegen sich die Angebotsmieten für Wohnungen derzeit moderater bei etwa 9 bis 10 €/m², wobei auch hier eine spürbar gestiegene Nachfrage zu verzeichnen ist. In Burg liegt die durchschnittliche Angebotsmiete bei rund 11,10 €/m² mit steigender Tendenz. Selbst im kleineren Vetschau/Spreewald werden inzwischen Mieten von deutlich über 7 €/m² sowohl für Wohnungen als auch für Einfamilienhäuser erzielt.

Im landesweiten Vergleich liegt das durchschnittliche Mietniveau im Land Brandenburg zwar insgesamt höher als in Teilen des Spreewalds. Für die Region sind jedoch insbesondere die relativen Steigerungsraten innerhalb kurzer Zeiträume bemerkenswert.
Parallel dazu eröffnet die kurzfristige Vermietung wirtschaftlich attraktive Perspektiven. Während sich die ortsüblichen Vergleichsmieten gemäß Mietspiegel im Landkreis Dahme-Spreewald – abhängig von Lage, Baujahr und Wohnungsgröße – durchschnittlich bei 12,39 €/m² liegen (bei größeren Wohnungen in Lübben teils darüber), erzielen Ferienwohnungen bei tageweiser Vermietung deutlich höhere Einnahmen.
In Lübbenau werden auf Plattformen wie Airbnb im Jahr 2026 durchschnittliche Tagespreise von über 120 € bei einer Auslastung von mehr als 50 % ausgewiesen. Rund 106 aktive Inserate deuten auf eine dynamische Marktentwicklung hin. Bei entsprechender Auslastung können die jährlichen Bruttoeinnahmen einer durchschnittlichen Ferienwohnung die Erlöse aus einer regulären Vermietung auf Basis der ortsüblichen Vergleichsmiete deutlich übersteigen.
Für den gesamten Landkreis Dahme-Spreewald wurden zuletzt über 460 aktive Kurzzeitangebote mit durchschnittlichen Tageserlösen zwischen 115 und 120 € (Stand 2025) registriert. Die Differenz zwischen langfristiger Vermietung nach Mietspiegel und kurzfristiger, plattformbasierter Vermarktung erklärt damit maßgeblich die beobachtbare strukturelle Verschiebung im regionalen Wohnungsmarkt.
Aus ökonomischer Sicht ist nachvollziehbar, warum Eigentümer eine touristische Nutzung bevorzugen. Insbesondere in nachfragestarken Zeiten wie Sommer- und Herbstferien können die erzielbaren Jahreseinnahmen bei kurzfristiger Vermietung signifikant über denen klassischer Langzeitmietverträge liegen.
Der Druck auf Familien und Fachkräfte
Was bedeutet das konkret für diejenigen, die im Spreewald leben und arbeiten wollen?
Für eine junge Familie fühlt sich die Immobiliensuche zunehmend wie ein Wettlauf an, bei dem die Ziellinie immer weiter wegrückt. Inserate verschwinden binnen Stunden. Besichtigungen gleichen Auswahlverfahren. Und am Ende bleibt häufig nur die Ernüchterung. Wer Eigentum erwerben möchte, sieht sich mit steigenden Kaufpreisen konfrontiert. Wer mietet, konkurriert mit einer Vielzahl weiterer Interessenten um ein begrenztes Angebot. Die Konsequenzen sind spürbar:
- Kaufpreise steigen schneller, weil Wohnraum knapp wird.
- Langfristig verfügbare Mietwohnungen werden seltener.
- Pendeldistanzen nehmen zu, da Alternativen im Umland gesucht werden müssen.
Für Fachkräfte entsteht eine paradoxe Situation: Lehrkräfte, Pflegekräfte, Verwaltungsangestellte oder Handwerksmeister werden dringend benötigt. Arbeitsplätze sind vorhanden, doch passende Wohnungen in Arbeitsplatznähe fehlen oder übersteigen das Budget. Ein Umzug in eine neue Wohnung wird so zu einem entscheidenden Faktor. Wer keine bezahlbare Bleibe findet, bleibt häufig an seinem bisherigen Wohnort oder weicht auf andere Regionen aus – selbst wenn der Job im Spreewald attraktiv wäre.
Unternehmen stehen vor der Herausforderung, offene Stellen nicht besetzen zu können, obwohl qualifizierte Bewerber grundsätzlich Interesse zeigen. Wer keine bezahlbare Bleibe findet, entscheidet sich häufig für andere Regionen mit stabileren Wohnbedingungen. Der Spreewald verliert so nicht nur potenzielle Einwohner, sondern auch wirtschaftliche Dynamik und Innovationskraft.
Steuerung mit Augenmaß – Handlungsspielräume der Kommunen
Angesichts dieser Entwicklung stellt sich die Frage: Wie lässt sich der Markt lenken, ohne die touristische Wertschöpfung zu gefährden?
Kommunen verfügen über verschiedene Instrumente, um ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Wohnnutzung und Ferienvermietung sicherzustellen. Dazu gehören Zweckentfremdungssatzungen, die eine Umwandlung von Wohnraum in Ferienunterkünfte genehmigungspflichtig machen. Registrierungssysteme schaffen Transparenz über Anzahl und Umfang kurzfristiger Vermietungen. Kontingente können definieren, wie viele Ferienwohnungen in bestimmten Gebieten zulässig sind. Über Bebauungspläne lässt sich bei Neubauvorhaben gezielt dauerhafter Wohnraum sichern.
Über Bebauungspläne lässt sich bei Neubauvorhaben gezielt dauerhafter Wohnraum sichern. Studien aus den Vereinigten Staaten und international argumentieren, dass Kurzzeitvermietungen oft zu einer Verknappung von dauerhaft verfügbarem Wohnraum beitragen können, weil Eigentümer eher kurzfristig und renditeorientiert vermieten. Gleichzeitig ist der quantitative Einfluss auf den Gesamtwohnungsbestand oft kleiner, als häufig angenommen.

Diese Maßnahmen greifen nicht willkürlich in Eigentumsrechte ein, sondern setzen Leitplanken. Sie formulieren die zentrale Frage neu: Wie viel touristische Nutzung verträgt ein Ort, ohne seine soziale Struktur zu verlieren?
Gleichzeitig braucht Regulierung Maß und Datenbasis. Zu strenge Vorgaben können Investitionen hemmen und Eigentümer abschrecken. Zu großzügige Spielräume verstärken die Verdrängungseffekte. Eine wirksame Steuerung verlangt daher kontinuierliche Marktbeobachtung, klare Zieldefinitionen und transparente Entscheidungsprozesse.
Zwischen Ferienidylle und gelebter Heimat
Letztlich geht es um mehr als um Quadratmeterpreise und Satzungen. Es geht um das Selbstverständnis einer Region. Der Spreewald ist nicht nur Ausflugsziel, sondern Lebensraum. Hier wachsen Kinder auf, hier engagieren sich Bürger in Vereinen, hier entstehen Unternehmen und Nachbarschaften.
Wenn Wohnhäuser zu temporären Unterkünften werden und Straßen außerhalb der Saison verwaisen, verändert sich das soziale Gefüge. Orte dürfen nicht zu saisonalen Kulissen werden, die nur dann belebt wirken, wenn Gäste anreisen.
Die entscheidende Frage lautet deshalb: Wie lässt sich touristische Attraktivität mit dauerhafter Wohnqualität verbinden?
Die Antwort erfordert strategisches Denken, politischen Mut und ein klares Bekenntnis zur Lebensfunktion der Region. Denn nur dort, wo Menschen dauerhaft wohnen können, entsteht Stabilität. Und nur eine lebendige Gemeinschaft sichert langfristig jene Atmosphäre, die Besucher überhaupt erst anzieht.
Der Nutzungskonflikt im Spreewald ist damit kein Randthema, sondern eine zentrale Zukunftsfrage. Wer sie klug beantwortet, schützt nicht nur Wohnraum – sondern bewahrt die Balance zwischen wirtschaftlichem Erfolg und gelebter Heimat.
